Seit einigen Wochen habe ich einen palästinensischen Journalisten als Untermieter. Majed ist 23 Jahre jung, kommt direkt aus Gaza-City und absolviert bei der Deutschen Welle in Bonn ein Praktikum.
Eigentlich ist Majed sehr nett, aber was heißt schon eigentlich.
Alles nett sein hilft nichts, wenn Dir Dein Untermieter Deine teure Holzarbeitsplatte in der Küche verbrennt, weil er den heißen Topf, in dem er sich gerade seine Milch erhitzt hat, auf dem Holz abstellt. Er selbst sitzt seelenruhig am Küchentisch, löffelt sein Müsli und wird auch nicht stutzig, als es in der ganzen Wohnung längst nach einem offenen Feuer riecht.
Meinen gellenden Schrei quittiert der gute Junge mit einem Lächeln: "Oh, sorry!"
Danach geht er ins Bad, duscht, als wolle er die gesamte Wohnung unter Wasser stellen, den Duschvorhang lässt er Duschvorhang sein - auch Wischmopp, Schrubber oder irgendein anderes Putzutensil scheint Majed nicht zu kennen. In der Dusche bleiben die Haare des oberen und ähm, ja - auch des unteren Körperbereiches liegen und auch die Benutzung der Toilettenbürste scheint ihm nicht ganz klar zu sein.
Okay, okay - macht nichts, ich erkläre ihm das alles: mehrfach! Ich erkläre ihm, dass der letzte abends in der Küche das Licht ausmacht; dass der Überlauf des Spülbeckens bei laufendem Wasser bitte nicht verstopft werden darf; dass wir in Deutschland Mülltrennung betreiben und das in Deutschland die Mülltüten trotzdem noch nicht selbst zur Mülltonne laufen. Ruhig sage ich ihm (auch mehrfach!), dass in Deutschland auch die Männer ihr Geschirr selbst spülen; dass die Tomatensoße nach dem Kochen von den Fliesen gewischt werden muss. Dann erkläre ich ihm, wo der Staubsauger steht und wie der funktioniert und das es ungünstig ist, wenn er das benutzt Geschirr in seinem Zimmer sammelt: ich brauche hin und wieder auch mal eine Tasse oder einen Teller.
Doch leider (wirklich leider) passiert nichts: im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Lichter in Küche und Flur bleiben weiterhin nächtelang an, die Urinflecken auf und rund um die Toilette finden kein ende; sein Zimmer sieht mittlerweile aus wie eine Müllhalde: vom benutzten Tempotaschentuch bis zu angebissenem Obst ist der Parkettboden kaum noch zu sehen. Was ja fast gut so ist, denn mit Schuhen und Koffern hat Majed dem Boden einige heftige Kratzer versetzt, deren Anblick mir die Luft rauben.
Staunend schaut er mich während meiner Einführungen der, sagen wir es mal vornehm: Haushaltsführung an, um mir dann zu sagen: "This is not the job of mens!" WAS? Na klar, daheim in Gaza gibt es die kopftuchbedeckte Frau Mama und drei Schwestern, eine davon trägt kein Kopftuch ("Womens are free in Gaza!" - AHA!), die anscheinend dem lieben Majed alles hinterher räumen.
Dazu kommt, dass Majed glaubt, auch die deutschen Gesetze ändern zu können:
Sein Mietvertrag begann am 1. Oktober und ist für 3 Monate vereinbart. Vorgestern kam er und sagte, dass er nur noch bis Dezember bleibe. Ich sagte ihm: "Kein Problem, Majed - Du kannst die Wohnung verlassen, wann immer Du willst, aber Du kannst nicht einen Vertrag lösen, wann immer Du willst!" Er würde das Zimmer aber nicht mehr benötigen, er habe sich heute entschlossen nach Italien zu gehen. Okay, okay - lieber Majed, das kannst Du doch gerne machen - aber Vertrag ist Vertrag!
Wirklich entrüstet klärte mich Majed auf, dass er erst am 5. Oktober gekommen sei und deshalb auch am 5. Dezember die Wohnung verlasse. Aber lieber Majed, Du hast das Zimmer ab dem 1. Oktober angemietet - wann Du tatsächlich hier warst, interessiert mich doch nicht. Ende des Mietvertrages ist Ende Dezember: Basta!
Eigentlich ist Majed ein wirklich netter Kerl - setzt sich in verschiedenen israelisch-palästinensischen Friedensbewegungen aktiv ein, hat eine liberale Grundeinstellung; gewann vor nicht einmal 14 Tagen einen internationalen Journalisten Preis, den er aus der Hand von Prinz Albert II in Monaco erhielt und besitzt darüber hinaus ein gewinnendes Lächeln. Ach ja, und nebenbei erzählte er mir, dass sein Vater im Organisationskomitee der PLO saß, als die israelischen Sportler in München 1972 überfallen und getötet wurden. Dafür saß der Vater 8 Jahre in israelischer Haft - setzt sich seitdem aber für die Verständigung beider Völker ein.
Aber all das hilft leider nicht, wenn nach dem Kochen wieder mal Tomaten und Zuccinischeiben vor dem Herd platt getreten werden und der Kaffeesatz, nur weil die Mülltüte voll ist, daneben liegt und in seinem Zimmer die Heizung auf 5 steht, obwohl er den ganzen Tag nicht da ist.
Lieber Majed, eigentlich ist leider zu wenig!
Sonntag, 14. November 2010
So viel Toleranz kann frau gar nicht haben ...
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