Heute ist unser letzter Tag in Jerusalem - mein rechtes Knie wird es mir danken. In den vergangenen Tagen soviel gelaufen wie in einem Jahr nicht und nun zeigen sich schon die ersten körperlichen Abnutzungserscheinungen; besonders das Knie schmerzt bei jedem Schritt: die Oberschenkelsehne scheuert buchstäblich über die Patella. Ich hoffe irgendwoher eine entzündungshemmende Salbe (Mobilat) zu ergattern und dann heißt es feste einschmieren und nicht viel laufen. Jedenfalls heute nicht.
Gestern hatten wir uns Richtung Bethlehem aufgemacht: arabischen Bus Nr. 21 am Damaskus-Tor (6,50 NIS) und kaum war der Bus losgefahren, wurde er auch schon von israelischem Militär angehalten. Eine junge Soldatin betrat den Bus und bat um alle Pässe - außer den unsrigen. Ein kurzes: "From where you are?" - und unsere Antwort: "Germany.", reichte. Die Stimmung im Bus war augenblicklich einer Atmosphäre aus unterdrückter Wut und (an)gespannter Befürchtung gewichen, einige palästinensische Jugendliche mussten aussteigen. Jeder Pass wurde geprüft, drei junge Männer mussten zurück bleiben - der Rest konnte weiter fahren.
Das Reisen zwischen Jerusalem und den besetzten Gebieten (Palästina / West-Bank) kann für so manchen Palästinenser zu einem Spiessrutenlaufen werden: es gelten strikte Regeln. Wohnt der Palästinenser in Jerusalem benötigt er einen Passierschein, um seine Familie in Bethlehem, Hebron oder Nablus zu besuchen. Wohnt der Palästinenser schon dort und möchte nach Jerusalem oder ins israelischen Kernland, kommt er dort auch nur mit einer speziellen Ausnahmegenehmigung oder aber einer Arbeitserlaubnis für Israel hin.
Die Gesichter der palästinensischen Männer und Frauen in dem Bus zeugten von Enttäuschung und einem Ohnmachtsgefühl. Unweigerlich stellt man sich die Frage: Wie würde es eigentlich mir persönlich gehen, wenn ich in deren Situation wäre ... in der israelischen wie auch in der palästinensischen?
In diesem Land ist man permanent hin und her gerissen. Noch am Montag - nach unserem Besuch in Yad Vashem - DER ultimativen Gedenkstätte für die Millionen Opfer des Holocaust schlägt das Herz absolut pro israelisch und das Existenzrecht Israels ist nicht einen einzigen Zweifel wert. Aber schon am nächsten Tag - also gestern, nachdem wir die Zustände in Hebron, Beit Yalla und Bethlehem; den Hochsicherheitstrakt des Check-Point in Bethlehem und die politischen Grafitti auf der überdimensional hohen Grenzmauer (die teilweise verzweifelten Hilferufen an die Welt gleichen) gesehen und uns lange mit unserem palästinensischen Taxi-Fahrer unterhalten hatten, weicht das Herz (und die Humanität) natürlich auch für die Bedürfnisse (und Rechte) der Palästinenser auf. Die Suche nach einer eindeutigen persönlichen Position in diesem "Bruder-Kampf" gleicht der Suche nach dem Ausgang in einem weit verzweigten Labyrinth.
Unzweifelhaft ist (jedenfalls für mich), dass jeder Mensch das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung hat. Gleichzeitig ist es aber für mich ebenso unzweifelhaft, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leib und Leben zu schützen. Wo aber fängt das Eine an und hört das Andere auf?
Oder anders gefragt: Wo fängt das sich selbst schützen an zum Beherrschen anderer zu werden? Wann wird Selbstschutz zur Willkür und wo oder wann muss der, der sich selbst schützt zur Umkehr bewegt, zuweilen auch gezwungen werden?
Dienstag, 28. Dezember 2010
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