Nach Hebräisch und etwas Politik, nach Gilad Shalit und Literatur möchte ich heute mal etwas Einblick in meinen Tagesablauf geben. Allzu aufregend ist der nicht und demnach auch recht schnell abgehandelt:
Gegen 6 Uhr stehe ich auf, setze mich dann mit Kaffee und Zigaretten (eigentlich wollte ich das Rauchen ja aufgeben) auf die Terrasse. Das Wetter ist seit 3 Wochen, mit wenigen Regenstunden unterbrochen, einfach traumhaft. Jetzt, da ich dies schreibe werden es so um die 15 Grad sein, Vögel zwitschern, vier Katzen und ein kleiner Hund tummeln sich um mich herum. auf der Terrasse lese ich meine mails, die neuesten Nachrichten in SPIEGEL-online oder versuche die Head-line in HaAretz (isarelische Tageszeitung) zu entziffern. Zu mehr als einem Bruchstückhaften Verstehen reicht mein Hebräisch noch nicht.
Danach gehts unter die Dusche, anziehen und wieder auf die Terrasse. Eventuell noch Hausaufgaben machen oder Vokabeln lernen. Wobei - ich gebe es zu: ich lerne viel zu wenig!
Viel zu viele Worte:
Gegen 8 Uhr fahren mein Compagnon (der hier inkognito bleiben möchte ;-) und ich mit dem Auto nach Ra`anana (ca. 15 km) in die Schule. Dort noch schnell ne Zigarette im Garten bevor um 9 Uhr der Unterricht anfängt. Der geht zwar "nur" bis 11:30 Uhr, wer jetzt aber denkt: Och, ist das kurz, der darf gerne mal daran teilnehmen. In diesen zweieinhalb Stunden knallen uns die neuen Worte wie Gewehrkugeln um die Ohren. Vorne steht Rinah (unsere Lehrerin) und redet ohne Unterlass und natürlich nru in hebräisch. Jeden Morgen gibt es irgendein Thema: Das Wetter, die Befreiung Gilad Shalits, Streiks in Isarel und und und. Aus diesem Thema entspringt ein Gespräch bzw. Fragen der Schüler und dann geht es los. Zuweilen sitze ich im Unterricht und verstehe nur Bahnhof bzw. ich höre zu und nach einer Weile fällt mir auf, dass ich alles verstanden habe ohne auch nur ein Wort ins Deutsche zu übersetzen und bin davon so irritiert, dass ich denke: Das kann nicht sein!
Gestern z.B. setzte sich eine Mitschülerin aus Wien neben mich. Sie fragte mich auf Deutsch, ob ich einen Kugelschreiber für sie hätte. Hatte ich. Nach einer Weile fragte ich sie auf Hebräisch: Sprichst Du eigentlich Deutsch?" Sie schaute mich ganz irritiert an und sagte: "Ich fragte Dich doch eben gerade auf Deutsch nach einem Kugelschreiber." Ich entgegenete dann: "Was, dass war deutsch, ich dachte das war hebräisch!" Wir mussten herzlich lachen.
(Na ja, vielleicht spricht ja auch unsere Lehrerin die ganze Zeit Deutsch, und ich wundere mich, weshalb ich alles verstehe!)
Nach Schulende stürmen alle Schüler und Schülerinnen nach draußen und zack, weg sind sie alle. Kein Plausch mehr, kein Kaffee mehr zusammen - also auch kein richtiges Kennenlernen nach der Schule. Der Grund ist nachvollziehbar: die Schüler sind alles Erwachsene, die meisten haben Familie und Kinder und zuhause wartet die Nanny auf Entlastung.
Wenn mein Compagnon und ich nicht gerade noch einkaufen müssen - ein Buch für die Schule, Lebensmittel, Ziggis oder sonstiges, geht es auf direktem Wege zurück. Daheim dann Mittagessen, ein halbes Stündchen ruhen, danach Kaffee (wieder auf der Terrasse) und lernen. Soweit mir das dann noch möglich ist, denn wenn ich ehrlich bin, schwirren mir die hebräischen Wörter wie Mücken in meinem Kopf herum: LeHitrachetz, Lehitragesch, LeHitragel und so weiter und so weiter.
Auf in den Kampf:
Gegen 16 Uhr werfe ich den Motor unseres alten Van`s wieder an und fahre entweder in den Kindergarten, dort hole ich Inbar und Carmel, zwei Töchter meiner Freundin Neta ab. (Nicht das hier einer denkt, dass wären schon alle ihrer Kinder - sie hat deren sechs!) Mit den Mädchen dann noch auf den Spielplatz ehe wir zu Nata & Yoram nach Hause fahren.
Zuhause wartet dann schon das Kleinste - Ya`arah, gerademal 6 Monate. Die restlichen Buben: Hadar (9 J.), Nitzan (8 J.) und Peleg (7 J.) sind derweil noch in irgendwelchen Sportgruppen unterwegs. Tennis, Basketball und Schwimmen. Die Buben müssen dorthin gebracht und auch wieder abgeholt werden: eine einzige Fahrerei die gut organisiert werden muss. Zwischen ins-Auto-rein-und-aus-dem-Auto-wieder-raus versuche ich etwas Ordnung in den Haushalt zu bringen. Wer selbst Kinder hat kann sich ausmalen, wie eine Wohnung aussieht, nachdem 6 Kinder darin gewütet haben - und hier wird gewütet. In Isarel hält man die antiautoritäre Erziehung für die Beste. (Na ja, meine Meinung ist hier nicht gefragt!) Wobei der Versuch von Ordnung halten ein Kampf gegen Windmühlen ist. Denn kaum sind alle Jungs wieder im Haus ist in fünf Minuten das alte Chaos wieder hergestellt. Neta & Yoram, beide voll berufstätig, sind völlig überlastet und haben im Grunde die Erziehung längst aufgegeben. In kleinen Schritten versuchen wir nun gemeinsam den Kindern beizubringen, wenigsten das allernötigste Einzuhalten: Schuhe an ihren Platz, Punkt 19 Uhr zu essen und während dem Essen weder rumzuschreien, nicht zwischendrin aufzustehen, über dem Teller zu essen und sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Neta und Yoram nennen die kleinen Regeln, die ich einführe: die neuen Nürnberger Gesetze. - Nun, Humor muss man haben!
Vor dem Essen aber wollen die Kinder noch beschäftigt werden, d.h. für mich, meine alten Körper bewegen und mit den Jungs Fussball, Basketball oder eine andere sportliche Betätigung im Garten. (Von meinem Muskelkater will ich hier nicht berichten) Gott-sei-Dank habe ich alles rund um den Ball noch nicht vergessen und kann die Jungs mit so manchem "Kunststück" noch beeindrucken ...
Wenn alles gut läuft und Yoram pünktlich von der Arbeit kommt (was er nie tut) bin ich gegen 20 Uhr wieder auf meiner Terrasse. Aber diese 4 Stunden mit den Kindern, die Geräuschkulisse, dieses permanente Präsent sein müssen, mein konzentriertes Zuhören, was mir die Kinder denn gerade auf hebräisch erzählen oder von mir wollen, schlaucht mich derart, dass ich danach völlig platt bin.
Das Ende:
Zuhause schaut mein Compagnon isarelisches Fernsehen, meist Nachrichten oder Diskussionsrunden (seine Hebräischfortschritte sind uneinholbar!!!), für mich aber ist das dann nur noch Buchstabensalat und werfe deshalb meinen Laptop an und schaue auf der RTL-Website "Die Super-Nanny" oder "Raus aus den Schulden" oder so ein Quatsch, nur um endlich wieder etwas zu verstehen, ohne dauernd mein Gehrin auf Hochtouren laufen lassen zu müssen. Um 21:30 Uhr bin ich dann so müde, so dass ich gerade mal noch zwei oder drei Seiten in einem Buch lese (DEUTSCH!) und ruck-zuck einschlafe.
Ihr seht, wer sich also gedacht hat, ich würde mir hier in Israel einen faulen Lenz machen, der hat sich gewaltig geirrt und wer sich fragt, weshalb ich das mache, der darf mir, sofern er die Antwort gefunden hat, sie mir mitteilen.
Mittwoch, 25. November 2009
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