Bevor man geht, kommen sie: die Erinnerungen - so auch bei mir.
Meine aller allererste Erinnerung an Israel ist die an einen Mann: Abraham Raz! Als ich am 21.6.1989 das Sinai-Hotel (das gibt es heute nicht mehr) in der Trumpeldor-Street morgens gegen 5:30 Uhr in Tel Aviv betreten wollte, war er der erste Israeli, dem ich bewußt begegnete: er hielt mir lächelnd die Tür auf und an dem Arm, der mir die Tür aufhielt, prangt DIESE Nummer. Das ich damals innerlich fast zur Salzsäule erstarrte, brauche ich nicht weiter auszuführen. Oder?
Doch Abraham Raz hielt mir nicht nur die Tür auf, er begann sich auch mit mir zuu unterhalten, lud mich zu einem Kaffee auf der Hotel-Terasse ein, lachte unentwegt und erzählte mir an diesem ersten Morgen in Tel Aviv sein halbes Leben. Danach fuhr er mich (er arbeitete als Taxifahrer) zwei Stunden durch ganz Tel Aviv; zeigte und erzählte mir alles wissenswerte über diese Stadt, am späten Vormittag brachte er mich in sein Zuhause; seine Frau hatte Kaffee und Kuchen aufgetischt und Abraham Raz wühlte in alten Papieren, zeigte mir seinen ehemaligen Deutschen Pass und seinen ersten israelischen... noch original von David Ben-Gurion unterzeichnet.
Puh! Gegen 13 Uhr war ich wieder im Hotel - meine Mitreisenden waren da gerade aus ihren Betten geschlüpft und ich war so "vollgefüllt" von dieser Begegnung.
Damit wäre die Begegnung mit Abraham Raz eigentlich beendet. Wenn, ja wenn das Leben nicht seine eigenen Wege gehen würde!
Ungefähr zehn Jahre später stehe ich mit einer deutschen Freundin in Tel Aviv am Straßenrand - es ist brütend heiß und wir sind an der falschen Haltestelle aus dem Bus gestiegen. Auf der Gegenfahrbahn fährt das einzige Taxi, wir winken, das Taxi macht einen U-Turn, wir steigen ein: Sie vorne, ich hinten!
Es ist heiß, ich bin gestresst, lasse ich mich in die glühend heißen Lederpolster sinken und höre nur von ferne wie der Fahrer mit meiner Freundin spricht. Da plötzlich kriecht aus den Tiefen meiner Errinnerung der Gedanke hervor, dass ich diese Stimme schon irgendwomal gehört habe. Nur wo?
Plötzlich höre ich mich fragen:
"Your Name is Abraham Raz, right?"
Der Fahrer ist geschockt, Stille - dann sagt er: "Hey, Du hast meinen Namen auf meiner Zulasssung, die über dem Vordersitz hängt, gelesen!"
Darauf spule ich wie in Trance einige Fakten aus seinem Leben herunter: "Geboren in Polen, 3 Geschwister, KZ, Nummer 2456 ... (mehr weiß ich nicht mehr) nach Israel 1947, mit einem Deutschen Ingenieur namens Wagner an einer Wasseraufbereitungsanlage im Negev gearbeitet, verheiratet mit Noam, wohnhaft in ..."
"Stop, Stop!", schreit er, bremst sein Taxi abrupt ab ... haut meiner Freundin mit der flachen Hand auf ihre nackten Oberschenkel, so dass deren Haut knallrot wird ... und ruft sofort seine Frau an.
Die macht Kaffee und Kuchen und Abraham Raz wühlt in seinen alten Unterlagen.
Dienstag, 26. Januar 2010
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