Ich gebe es zu - ich hatte ein wenig gemogelt, damals!
Und damals war im Mai 1995.
Am Telefon mit der äußerst netten Dame, die für die Akkreditierung der Journalisten zuständig war, hatte ich gesagt, dass mein internationaler Presseausweis gerade abgelaufen sei und ich keine Möglichkeit hätte, diesen bis zum nächsten Tag verlängern zu lassen. Ich muss ihr durch den Äther irgendwie seriös oder zumindest sympathisch erschienen sein, denn sie sagt mir:
"Come, and we will see what happen!"
Okay, am nächsten Tag saß ich im Bus nach Jerusalem; Geld für ein Taxi vom Busbahnhof bis ins recht entlegene L`romme Hotel hatte ich nicht: so ging ich die gesamte Strecke zu Fuß.
Vor dem Hotel: Polizei, Sicherheitskräfte und diese Männer in den dunklen Anzügen mit dem Knopf im Ohr und dem Mini-Mikro unter dem Reverse; die immer so vergeblich versuchen unauffälligh sein wollen. (Dabei tragen sie immer diese völlig auffälligen super-dunklen Sonnenbrillen).
Man ließ mich durch die erste Sperre, sogar durch die zweite und dritte - und das alles ohne offizielle Akkreditierung. Dann - im Foyer des Hotels, stürmt eine Frau auf mich zu:
"Sie müssen Frau X sein!",
"Yes, I am!"
Sie führte mich an weiteren Sicherheitsposten vorbei, durch Gänge und Türen... bis zu jenem Raum, in dem das sog. "Arbeitsfrühstück" mit Ytzchak Rabin stattfinden sollte. Sie wies mir einen Platz an den wenigen Tischen zu und mir klopfte das Herz bis zum Hals. Erst dann realisiere ich, dass "diese Dame" genau die Frau war, mit der ich vor zwei Tagen telefonierte und der ich mein Lügenmärchen vom abgelaufenen Presseausweis präsentierte.
Und dann denke ich - WOW, wie gefährlich für sie, dass sie mich so einfach durchlässt!
Nach und nach füllt sich der Raum - exakt 6 Tische zu 8 Personen. An meinem Tisch sitzen 4 amerikansiche (gold-schmuck-behangene) Damen; direkt neben mir sitzt ein altgebeugter Mann, der mich sofort fragt, was-wer und woher ich eigentlich bin. Ich sage ihm, dass ich eigentlich "Kadur-Yad" (Handball) in Rishon-Le-Zion spiele und er fragt überrascht, was denn Handball sei.
Dann kommt ER, begleitet von Sicherheitsleuten, die er aber alsbald mit nur einer Handbewegung "des Raumes verwa(e)ist": der israelische Ministerpräsident Ytzchak Rabin! Mit ihm am Tisch, der damalige Sprecher des Weißen Hauses in Washington: Richard Kaufman und die Ehefrau des einstig berühmtesten Dissidenten der UDSSR, Sacharov: Frau Dr. Jelena Bonner!
Ich bin sprachlos, doch der alte Mann neben mir quatscht und quatscht und fragt mich Löcher in den Bauch. (Als ich ihm erkläre, dass Handball wie Fussball sei, nur mit den Händen - schüttelt er ungläubig den Kopf und sagt: Ich wusste gar nciht, dass sowas in Isarel gespielt wird... und auch noch von Frauen!)
Dann hält Rabin eine kleine Ansprache, hierzu hat er sich an einen Holzpult bewegt, der kaum einen Meter und fuffzig von mir entfernt stenht - niemals werde ich seine eindringliche Stimme, die mir durch Mark und Bein ging, bergessen. Niemals. Und zack, aus dem nichts tauchten plötzlich russische Juden auf, die da in Richtung Rabin schrieen: "Diktator, Hitler, Diktator!" Verflixt, ich war so was von irritiert... Wie? Diese Menschen kommen aus Russland, aus einer Diktatur, bekommen in Isarel Freiheit, Sozialleistungen, Menschenrechte (von denen sie im damaligen Russland nur hätten träumen können) und beschimpfen Rabin als Diktator. Hm, ich verstand die Welt nicht mehr; ließ aber meine Video-Kamera laufen.
Rabin - unterbrochen in seiner Rede, warf erstmal einen "abstrafenden Blick" seinen Sicherheitsleuten zu (wie konnte das passieren?) und als die Demonstranten weiterhin Diktator, Diktator schrieen, sagte er nur, in einer für mich bis heute unvergesslichen Stimmlage: "Leave me alone, leave me alone!" Er sagte dies auf englisch, und nicht auf hebräische - der Sprache dieser Demonstranten.
Dann wurde die Schreier an Händen und Füßen aus diesem "Frühstückszimmer" getragen, geschleift und gestoßen und Rabin wartete geduldig, bis der Tumult beendet war.
Der Opa neben mir schien davon überhaupt nicht beeindruckt und Rabin vollendete seine Rade.
NAchd iesem Arbeitsfrühstück gab es Reden und Seminare und Diskussionen zu den Themen: Russische Auswanderung, Friedenspolitik und und. Hierzu musste man sich anstellen und einen offiziellen Namensbutton sich an die Brust heften. Als ich meinen Namensbutton erhielt, stand eben jener alte Mann neben mir, der mir das Ohr abgequatscht hatte. Neugierig lukte ich auf sein Namensschild: Eser Weitzman, mich traf der Schlag: der Präsident Isarels.
Im November desselben Jahres traf ich mich in Deutschland mit einigen Freunden und Freundinnen in einem Bistro. Als ich an den Tisch herantrat, bemerkte ich, dass alle irgendwo "dumm" durch die Wäsche guggten.
"Setz` Dich, wir müssen Dir was sagen!"
Komisch, ich verstand gar nichts, aber ich setzte mich und schaute in völlig betretene Gesichter:
"Rabin wurde erschossen!"
Späte Anmerkung:
1. Die Dame, die für die Akkreditierung zuständig war und mich ohne jegliches "offizielles Papier" bis sozusagen an den Nebentisch des Ministerpräsidenten "durchgeschleust" hatte, tat dies wohl deshalb - weil ich die einzige Frau war, die weder gold-schmuck-behangen noch durch Vitamin B erschienen war.
und
2. einige Wochen später; "me and my Team" hatten gerade den israelischen Pokal gewonnen, wurde mir von dem altgebeugten Mann, der nicht wusste, was Handball ist, der Pokal in Petach Tikva überreicht.
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