Dienstag, 26. Januar 2010

Mach das Licht aus, bevor Du gehst

Einen Abendspaziergang in Ehren, kann niemand verwehren. Was ist auch schon dabei, eine alte Dame bei Dunkelheit nach Hause zu bringen. Sind ja auch nur 20 Minuten Fußweg.
So hatte ich gedacht, damals, an Rosh HaShana (jüd. Neujahr) irgendwann in den 90igern.
Aber Pustekuchen, das, was mich während dieses kurzen Fußmarsches erwartete - okay... hier die ganze Geschichte:

Wie gesagt, Rosh HaShana und ich bin von Michal, ihrer Oma Clem und der Familie zum Essen eingeladen. Die ganze Familie ist anwesend und mir gegenüber sitzt eine alte, sehr alte Oma. Etwas verhuzelt, runzlig... nun, alt eben.
Diese Oma wird gebracht, setzt sich ... ich bemerke sie kaum, zuviel Leute um mich rum, die Sprache, neue Traditionen etc. Erst nach einer ganzen Weile bemerke ich, das genau diese Oma mich anschaut, nein... sie starrt mich an! Unangenehm, ich weiß nicht, was ichmachen soll. Warum starrt die denn nur so. Starrt und sagt kein Wort.
Dann sehe ich den Grund: Zahlen an ihrem Arm. Warum nur bin ich keine Maus?

Es vergehen Stunden, die Oma starrt und ich versuche dieses Starren irgendwie und unauffällig zu überleben. Dann ist die Feier fast zuende und Michal kommt zu mir und fragt mich: "Could you bring my Grandma home?"
Aber ja, gerne - Erleichterung macht sich in mir breit, denn für mich ist die Großmutter von Michal eben jene Clementine Weizmann, die ich 8 Tage durch Deutschland kutschiert habe (siehe vorherigen Eintrag). Wie blöd nur, dass ich vergessen hatte, dass jeder Mensch zwei Großmütter hat.

Die starrende Oma war die andere Großmutter - und genau die Frau, die mich den gesamten Abend angestarrt hatte, als sei ich eine Warze, ein seltenes Tier oder irgende eine Andere Selte"samkeit" - bat nun darum, dass genau ich sie nach Hause brachte.
Ein Zurück gab es nicht mehr!
Und jetzt kommt der Spaziergang, 20 Minuten und ich halte mich kurz, berichte nur das nötigste, von dem, was sie mir auf diesem Weg erzählte:
geboren in Grevenbroich bei Köln - verlobt - deportoiert - Auschwitz - schwanger - abgetrieben - ansonsten ins Gas - drei Jahre - gearbeitet - überlebt - befreit von den Russen - Abtransport nach Sibirien - 12 Jahre - verheiratete wurden freigelassen - Heirat mit Mithäftling - zurück nach Grevenbroich - alle Tod - ehemaliger Verlobter nennt sie Hure (da Mithäftling geheiratet) - Emigration nach Amerika - Unfruchtbar durch Abtreibung - Sattlerei geführt - 1968 nach Israel - Mithäftlings(ehe)mann stirbt - lernt nie Hebräisch - keine Familie - Altersheim.

Ich bin völlig erschüttert! Und das nur vom Zuhören und nicht vom selbst Erleben!
Ich bringe sie in ihr Zimmer, sie sagt, ich solle mich setzen. Dann entkleidet sie sich, ihr Körper ist voller Narben, sie macht sich bett-fertig und fragt mich, wie ich heiße. Ich nenne ihr meinen Namen und ich glaube, dass meine Stimme dabei etwas zittert. Dann sagt sie mir ihren Namen: Berta Silberblum und bitte mich, bevor ich gehe, dass Licht in ihrer kleiner Diele auszuschalten.

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