Und weiter geht es mit den Erinnerungen, die mich regelrecht überfallen!
Düsseldorf Flughafen 1990, Ankunfthalle und Golda Meir steht vor mir.
Nee, natürlich nicht wirklich, denn die erste Ministerpräsidentin Israels ist da schon tot. Man darf sich ja mal irren dürfen, oder?
Die Frau aber, die da in Düsseldorf vor mir steht und die jeder für Golda Meir hätte halten können, wird mein zukünftiges Denken und Empfinden so nachhaltig prägen, wie kein anderer Mensch in meinem Leben: es ist die Großmutter (hebr.=Safta) meiner israelischen Freundin Michal: Clementine Weizmann, verwitwete Hirschmann, geborene Schloß.
Clem, wie sie genannt wird, ist nach Deutschland gekommen, um nochmals (letztmals?) einige Plätze und Menschen aus ihrem "deutschen Leben" zu sehen und man hat mich gefragt, ob ich nicht die Betreuung in dieser Zeit, sozusagen die Reiseleitung für die mittlerweile 84jährige Dame übernehmen kann. Klar, gerne!
Wir fahren nach Münster - zu Prof. Dr. Rengsdorf - einem ehemaligen Uni-Kollegen von Dr. Boenhöffer, wir fahren nach Bergisch Gladbach, dort treffen wir auf eine Cousine, die 50 Jahre in Argentinien lebte (beide haben sich seit 1933 nicht mehr gesehen), wir fahren nach Frankfurt, wo anstelle ihres Elternhauses ein großes Hochhaus steht; wir fahren nach Darmstadt, wo sie auf die Kinder ihrer Jugendliebe trifft und wir fahren nach Dieburg, wo ihre "Busenfreundin" beerdigt liegt. Wir fahren und fahren, wir sehen Plätze und Orte ihres Lebens und wenn sie wieder in mein Auto steigt und ihren kleinen Eric-Ode-Hut gegen die Sonne aufsetzt, dann schweigt sie.
Minutenlang. Stundenlang.
Nur manchmal höre ich sie etwas schluchzen, aber der Verkehr auf der Autobahn ist so laut und damit ich ja nicht denken könnte, dass sie vielleicht weine, sagt sie Sätze wie: "Hach, hier ist so schön grün!" und das dass, im Gegensatz zu Israel so erholsam für die Augen sei.
Abends bittet sie mich ihr langes Haar zu entknoten, zu kämmen; ihr das Gebiss in Reinigungswaser einzulegen; ihre geschundenen Füsse müssen mit einer speziellen Salbe eingerieben werden; der Rücken massiert; die Augen beträufelt; das Nachthemd übergestreift und eine Batterie von Tabletten eingenommen werden.
Bevor sie schlafen kann, decke ich sie zu, stelle ihr ein kleines Lichtlein an den Nachtisch, dazu ein Glas Wasser und sie weiß, dass sie mich jederzeit wecken kann. Ich schlafe immer neben ihr.
Es sind 8 stressige Tage, denn ich bin: Altenbetreuerin, Fahrerin, Übersetzerin, Hilfeleisterin und zuweilen auch "Rambock" für ungefilterte Emotionen.
Aber es sind auch die wundervollsten 8 Tage meines Lebens, denn ich lerne viel: über Deutschland, unsere Geschichte, Familie, Vertreibung, Heimat, Ausbürgerung, Mut, Kraft, auch über Religion und am allermeisten über mich selbst.
Dann fliegt sie zurück. Weg ist sie. Danke hat sie gesagt: mehr nicht, und als ich etwas irritiert dreinblickte, fügte sie leise an: "Ich hätte dieses Land nie verlassen, dass war mein Land - aber: man hat mich rausgeschmissen. Ich kann froh sein, dass ich noch lebe...in Israel!"
Ein Jahr später!
Ich bin mal wieder in Israel und Clem hat mich eingeladen, sie in ihrem Altenheim, wo sie inzwischen wohnt zu besuchen. Das gerade ein hoher jüdischer Feiertag ansteht, weiß ich nicht.
Ich sitze in ihrem Zimmer; Tee und Gebäck hat sie gereicht; Goethe und Schiller stehen als komplette Ausgabe in ihrem Bücherregal. Überhaupt: alles ist recht deutsch.
Dann kommen ihre Kinder, ihre Enkelkinder... sie reden miteinander und bevor jeder einzelne wieder geht, legt Clem ihnen ihre Hände über das Haupt und nach einer ganzen Weile begreife ich, dass sie als die Familienälteste alle segnet! Komisch, ich bin richtig berührt davon, das segnen wirkt so echt und plötzlich habe ich einen Klos im Hals.
Dann ruft sie mich. "Boi!", sagt sie auf hebräisch (nicht auf deutsch) und ihre Familienmitglieder sind noch da und ich fühle mich befangen. Dann deutet sie mir an ich solle mich (wie alle zuvor) niederknien und ich tue was sie sagt: dann legt sie ihre Hände (wie bei allen zuvor) über meinen Kopf und spricht einige hebräische Worte.
Sie segnet mich!
Es ist, als ob mir etwas zuteil wird, wonach ich mein Leben lang gesehnt hatte; ich verstehe nicht, was sie da sagt, aber von ihren Händen durchströmt mich sofort eine Kraft, eine Energie - die bis zu meinen Füßen gelangt.
Seither fühle ich mich wie von einer Schutzhülle umgeben - mir kann nichts mehr passieren in meinem Leben.
Dienstag, 26. Januar 2010
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