Von allem ein wenig zuviel - so könnte mein erstes Fazit nach 4 Tagen Jerusalem lauten. Doch von allem wirklich zuviel in Jerusalem ist: der Kommerz.
Von der ehemaligen Magie, die Jerusalem auf mich ausgeübt hatte, ist fast nichts mehr übrig geblieben. Die Neustadt - Ost wie West - also israelisch bzw. arabisch, glänzt mit Baustellen über Baustellen, wodurch die ganze Stadt ein einziges Verkehrschaos geworden ist.
In West-Jerusalem wird eine Straßenbahn gebaut, von der selbst die Israelis annehmen, dass sie bis zum Erscheinen des Messias noch nicht fertig ist und Ost-Jerusalem wirkt wie eine einzige Müllhalde, sofern man zwischen der Blechlawine die sich durch die Straßen quält, den Müll überhaupt sieht.
Die Altstadt ist der eigentliche Anziehungspunkt für die Touristen, hat aber ihren einstigen "orientalischen" Flair längst verloren: Geschäfte über Geschäfte; Restaurants, Souveniershops in denen man vom Holzkamel bis zum nachgewebten Jesus-Leichentuch alles für teuer Geld kaufen kann; dazwischen Fotoläden mit modernster Technik ausgestattet, Internet-Cafes, kleine Supermärkte etc.
Der schnöde Mammon regiert den Puls der Stadt und überall wird man als Tourist "abgezockt" - und dabei ist es ganz egal, welcher Glaubensrichtung der Besitzer des Ladens angehört.
Heute z.B. waren wir in einem Restaurant essen, welches zur armenisch-christlichen Kirche gehört, bedient hat uns eine englische Glaubensschwester in voller Tracht, die Speisekarte war schon vorsorglich ohne Preisangaben und beim Bezahlen hat es uns fast die Schuhe ausgezogen: 100 Shekel, wo man gerademal gegenüber in einem Restaurant die Häfte bezahlt. Auf meine freundliche Nachfrage wurde ich von dieser Ordensschwester unwirsch behandelt: Sie riss mir den Geldschein aus der Hand, räumte unsere noch halbvollen Gläser vom Tisch und weg war sie.
Wie sehr das Geld die Stadt regiert, sehr ihr im Bild unten: auch arabische Frauen wollen billig bei Penny-Markt einkaufen.
Neben all dem oben genannten hat mich insgesamt die "unlösbare" politische Situation depremiert.
So viele Menschen, so viele Glaubensrichtungen, so viele verschiedene politische Ansichten, so viele Probleme und insgesamt so viel Hoffnungslosigkeit.
Die Mauer, diesmal von nächster Nähe gesehen zu haben; den Checkpoint nach Bethlehem passiert und die miserable wirtschaftliche Situation der Palästineser gesehen und gefühlt zu haben, hat natürlich Spuren hinterlassen.
Auch im Besten Falle wid es keine lebbare, umsetzbare Lösung für den Status Jerusalems geben. Um zu erklären, weshalb nicht, reicht hier der Platz nicht aus - die Zusammenhänge sind einerseits zu lange gewachsen und andererseits zu kompliziert. Ich selbst habe über 20 Jahre und 41 Reisen in die Region benötigt, um nur annähernd einen Einblick zu erhalten.
Ich kann nur jedem ans Herz legen, hierher zu reisen - ob nach Israel oder in die palästinensischen Gebiete: ganz egal. Aber Hauptsache die eigene Meinung nicht von Zeitungen prägen lassen, die eh einen wirtschaftlichen Zweck erfüllen müssen.
Weshalb Jerusalem aber auf jeden Fall eine Reise wert bleibt, ist für diesen Anblick:
Aufgenommen von der Dachterrasse des Östereichischen Hospitzes am Heiligen Abend, 17:14 Uhr
Samstag, 26. Dezember 2009
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